Reif für die Insel: Gemeindefahrt nach Sardinien

Schafe
Bildrechte: Achim Breuninger

Wer hätte gedacht, dass wir Sardinien mit dreieinhalb Millionen Schafen teilten, die noch heute von einer Jahrhunderte alten Hirtenkultur auf dieser Insel zeugen. Denn nicht an die Küsten und zum Fischen zog es die Menschen hier, sondern in die Berge, ins Innere. Vom Meer kam die Gefahr: Phönizier, Punier, Römer, Byzantiner, Sarazenen, Pisaner, Genuesen, Aragonier und Italiener betrachteten die Insel als willkommenes Herrschafts- und Ausbeutungsobjekt. Entsprechend vielfältig sind die kulturellen Überreste, die von dem Gestaltungswillen der verschiedenen Eroberer und ihrer Künstler und Handwerker Zeugnis ablegen.

Dazu kommt die einmalige Nuraghenkultur, die sich etwa ab 1600 v.Chr. auf der Insel entwickelte. Wir besuchten die großartige Anlage Su Nuraxi in Barumini, die zum Weltkulturerbe gehört, und versuchten uns vorzustellen, wie die Menschen damals in dem festungsartigen Turm und den vielen Rundbauten lebten.

Nuraghe
Bildrechte: Achim Breuninger

Im archäologischen Museum in Cagliari konnten wir dann sehr reizvolle, kleine Bronzekunstwerke aus dieser Zeit betrachten.

Eine Woche im März  haben wir die Insel von Arborea aus in alle Richtungen kennen gelernt. Wenn wir morgens unser Hotel verließen, kamen wir jedes Mal an einer großen Schar Flamingos vorbei, die es in dieser Gegend zu Tausenden gibt. Die Wege zu den Ausgrabungsstätten und Kirchen sind deutlich länger als auf dem Festland. Dadurch hatten wir viel Zeit, vom Bus aus in Ruhe die ursprüngliche, wilde Landschaft zu genießen. Wo wir auch fuhren, immer gab es Schafe, Kork- oder Steineichen,  Mauern aus Naturstein und Hecken aus Feigenkakteen.

Eine der reizvollsten Kirchen Sardiniens, Sant Antioco di Bisarcio., liegt einsam und abgelegen am Nordrand der Ebene von Ozieri. Zu unserer großen Überraschung erklärte uns dort eine junge Sardin in perfektem Deutsch alle Einzelheiten der beeindruckenden romanischen Architektur. Sie war in Leverkusen aufgewachsen. In dem kleinen Örtchen San Giovanni di Sinis soll es im Sommer fast wüstenhaft heiß sein. Wir erlebten dort unseren einzigen kühlen Regentag und eine kleine vorromanische Kirche, die  mit etwa 1500 Jahren wohl der älteste erhaltene Sakralbau Sardiniens ist.

Giovanni ...
Bildrechte: Achim Breuninger

Aus neuer Zeit stammen die sogenannten Murales, Wandmalereien, von denen es in dem Ort Orgosolo besonders viele und eindrückliche gibt. Die ganze Hauptstraße ist voll mit Bildern, die von dem Zorn über gesellschaftliches Unrecht zeugen und in den sechziger Jahren als Ausdruck der Kritik an den sardischen Verhältnissen und dem Wunsch nach politischer Änderung entstanden.

Wie immer war die Gemeindefahrt von Gernot Kachel akribisch vorbereitet worden. Dank seiner fachkundigen Führung und der souveränen Beherrschung jeglicher Straße unseres Busfahrers Robert haben wir viele neue Eindrücke gewonnen und gemeinsam eine schöne Zeit verlebt.

Irene Breuninger

 

Und hier - wie jedes Jahr - das kleine Reiseprotokoll von Ingrid Hecker:

Gemeindefahrt 2019 nach Sardinien
08. – 17.03.2019

Kleines Reiseprotokoll

 

Freitag, 08.03.2019

Sardinien ist unser Ziel.
Manchen von den alten Hasen,
die früher waren treu dabei,
ist die weite Fahrt zu viel.
Jürgen hat uns ganz verlassen.
Möge dieses Protokoll,
das die Tour beschreiben soll,
ihnen Trost und Freude sein.

Zur Mittagsstunde sind alle am Start,
pünktlich bringt Robert den Bus in Fahrt.
Die meisten kennen einander schon,
die Neuen heißen wir willkommen.

Mit viel Geduld und Ausführlichkeit
erklärt uns Gernot während der Zeit
die Belange der Organisation.
So hat die Fahrt ihren Anfang genommen.
Verona ist abends die erste Station.

Samstag, 09.03.2019

Morgens: Aufbruch von Verona,
mittags: Bummel durch Bologna.
Was hier besonders fasziniert,
ist das gesamte Bild der Stadt,
die fünfunddreißig Kilometer Arkaden hat.
Wir sind durch die Nebenstraßen spaziert.

Dabei kamen wir zu einem Palast,
von Christophero Boncompagni 1548 erbaut,
einem Verwandten Papst Gregors des XIII.
Der Palast steht in der Via del Monte.

 

Ein Herr am Eingang lud uns ein,
so war‘ n wir in seinen Gemächern zu Gast,
einer großen Notariatskanzlei,
die er mit fünfzehn Kolleginnen innehat.


In den Räumen, sechs Meter hoch, herrschaftlich, fein,
hat er uns auf Englisch anvertraut
des Hauses lange Tradition,
doch sprach er so schnell, in leisem Ton,
daß man ihn kaum verstehen konnte.
Dann ließen uns Mauern und Tore frei.

Nachmittags, als manche schon wieder gähnten,
fuhren wir nach Livorno zum Hafen,
wo wir frühzeitig an der Fähre eintrafen,
die uns sanft schaukelnd über Nacht
nach Sardinien gebracht.

Sonntag, 10.03.2019

Früh an Deck, die Sonne geht auf,
wir betreten ein besonderes Land.
Von Olbia geht ’s im weiter’n Verlauf
nach Arborea ins „Horse Country“, nah am Strand.

Der Strand ist übersät mit Knollen,
die meisten rund und einige platt,
von denen wir gern wissen wollen,
was es mit ihnen auf sich hat.

Neptungras, so heißt das Kraut;
es gedeiht im Mittelmeer,
und man stellt hier für die Haut
daraus Pflegemittel her.

Unterwegs gibt ’s noch ein Programm zu bestehen,
vier romanische Kirchen haben wir angesehen.

 

Die Sarden sind ursprünglich ein Volk von Hirten,
die freundschaftlich ihre Gäste bewirten.
So scheint es geblieben zu sein bis heute,
man sieht hier deutlich mehr Schafe als Leute.

Ihr Land wurde oft erobert, vernichtet
und jeweils danach wieder neu errichtet.
Baukunst war nicht der Sarden Stärke,
und als in mittelalterlicher Zeit
sich machte toskanischer Einfluß hier breit,
wurd‘ der romanische Stil importiert,
der in etlichen Kirchen sich manifestiert.

Markant sind die quergestreiften Fassaden
aus weißem Kalkstein und schwarzem Basalt
mit Kreisen, Quadraten und Blendarkaden;
die Innenräume sind teils schlicht, teils reich verziert.
Was in jedem Fall imponiert,
ist ihre zwingende, klare Gestalt.

Montag, 11.03.2019

Heute gab ’s was zu genießen:
ohne arbeiten zu müssen,
über Gennargentus Hochlandstraßen.

Es ist Robert zu verdanken,
daß wir andächtig versanken
in den Anblick der Natur,
durch die er uns geduldig fuhr.
Der Kraftstoff sollt’ für den Tag noch reichen;
denn Tanken ist hier so ‘ne Prozedur.

Rinder, Schafe, Schweine, Ziegen
und Pferde werden von Bauern gehalten.
Wilde Vögel, Flamingos sogar,
können sich in der Wildnis entfalten.

Eukalyptus, Mimosen, Stein- und Korkeichen
prägen das Bild von Wald und Flur.
Kräuter steh’ in Blüte schon da.
Eine Straße ist plötzlich für uns gesperrt,
weil wir samt Bus mehr als acht Tonnen wiegen.
Deshalb sind wir weiter nach Süden gekehrt,
dort war uns die prächtigste Aussicht gewährt.
Die Landschaftsform ist dramatisch schön,
um sich niemals daran sattzuseh‘n.

Wir finden verstreute Ortschaften liegen
mit wild-romantischen alten Gebäuden
unter Wolken, die über den ganzen Himmel reichen.
Wer hier zu leben weiß, ist zu beneiden.

Dienstag, 12.03.2019

Aus der Antike frühen Tagen
gibt es Reste von Nuraghen,
das waren einstmals Wehranlagen.

Siebentausendfünfhundert an der Zahl
soll’n ’s auf der Insel gewesen sein,
gebaut aus großen Blöcken von Stein.

Nicht selten war das Areal,
das man von ihnen aus überwachte,
nur einen Quadratkilometer klein.

Bei Barumini war die Nuraghe umgeben
von einem Dorf, gut eingerichtet zum Leben,
eine Entdeckung, die man erst später gemacht.
Von allen Nuraghen gilt diese als größte,
und ihr Erhaltungszustand ist der beste.

Bei Serri liegt Santa Vittoria,
ein Brunnentempel, ein Heiligtum,
das kam als Pilgerstätte zu Ruhm;
eine ganze Infrastruktur gab es da.

Wir gelangen in den Tempel hinein
über ein Plateau aus hartem Gestein.
Das war unter weicheren Massen versteckt,
die wurden durch Erosion abgedeckt.
Was blieb, ist als gerader Bergrücken noch da,
die Menschen hier nennen das eine „Giara“.

 

Beim Opfern ist allerhand Blut geflossen,
so hat man gehofft, daß man höhere Mächte,
die man zuvor wer weiß wie verdrossen,
sich wieder geneigt zu machen vermöchte.

Mittwoch, 13.03.2019

Der heutige Tag ist als frei deklariert,
doch trotzdem ist eine Menge passiert.

Santa Giusta heißt ein kleiner Ort,
denselben Namen trägt die Kirche dort.
Der pisanisch-romanische Stil, der sie prägt,
hat für spätere Kirchen als Vorbild fungiert.

Sie steht, wie auf einem Podest, erhöht.
Besonders ist ihre Krypta: die trägt
die Apsis, die nochmals erhoben steht.

Hinter Orestano am Stagno di Cabras dann
hält Robert nochmals den Bus mit uns an.
Er sammelt aus seinen Beständen den Sekt,
Annelore spendiert eine Runde Konfekt.
Heute ist ihr einundachtzigstes Wiegenfest,
zu dem die Gruppe sie hochleben läßt.

San Giovanni di Sinis ist vielleicht sogar
auf der Insel das älteste Gotteshaus.
Sein Ursprung liegt zurück gut anderthalbtausend Jahr’,
so alt ist die Kuppel vor dem Altar.
Es ist schlicht und frei von fast jeder Verzierung,
und seit seiner gründlichen Restaurierung
sieht es wie original wieder aus.

Vor rund dreitausend Jahren ward Tharros gegründet,
eine phönizische Hafenstadt,
die später, als die Römer dort waren,
man wieder neu überbauet hat.

 

Es gab Tempel, Thermen, Plätze, Straßen
und ein Wasserleitungssystem,
das machte, wenn auch vielleicht nur in Maßen,
das Leben in Tharros angenehm.


Jetzt gilt es, die Reste der Stadt zu bewahren.
Nur ein Teil von ihr ist bisher ausgegraben,
so daß man bestimmt noch manch Spannendes findet,
das für uns bis heute davon kündet,
wie die Vorfahren mögen gelebt dort haben.

Donnerstag, 14.03.2019

Cagliari, die Hauptstadt Sardiniens,
liegt auf Hügeln verteilt, zehn mindestens;
dazu kommt ihr Alter von viertausend Jahren,
so übertrifft sie Rom gleich in zweifacher Weise.

Im Nationalmuseum ist ausgestellt,
was im Laufe der Jahre Archäologen
aus dem Boden und aus dem Meer gezogen:
Amphoren, Hausrat und punisches Geld,
allerlei aus Bronze und Stein,
Statuen, überlebensgroß bis ganz klein,
Schmuck aus Muscheln, Gold und Bein
und Dinge, die sonst von Bedeutung waren,
nehmen uns mit auf die Zeitenreise.

Casu marzu ist eine sardische Spezialität,
die auf folgende einfache Weise entsteht:
Pecorino, zuvor aus Schafmilch bereitet,
wird in der Sonne ausgebreitet,
daß Fliegen darein ihre Eier ablegen.

Alsbald beginnen sich Maden zu regen,
wodurch der Käse in Gärung gerät,
zähflüssig wird, sich bräunlich verfärbt,
für unsere Sinne völlig verderbt.

 

Ein Gast, dem es möglich, sich zu überwinden,
derweil aus dem Käse die Maden ragen,
davon zu essen, wird Eindruck schinden.
Er soll auf der Zunge ein Brennen auslösen;
vielleicht tut man am besten, als sei nichts gewesen.

Die Sarden meinen, wer das kann bezwingen,
sei besonders fähig in Liebesdingen.
Doch wer den Mut hat, „nein“ zu sagen,
wer eben nicht zu allem bereit,
besitzt auch eine ehrbare Fähigkeit.

Dann sind wir die Küste entlang gefahren;
ein Jammer nur,
daß diese Tour

mit Ausblick auf des Meeres Spiel
dem Mittagsschlaf zum Opfer fiel.

Noch ist ’s in den Buchten einsam und leise,
da zieht von fern eine Schafherde ein.
Mit ihrem hellen Glockengeläut
macht sie sich auf einer Weide breit,
ein Erlebnis, das uns’re Gemüter erfreut.
Und der Blick auf die Gegend kann schöner nicht sein. 

Freitag, 15.03.2019

Ab etwa 700 vor Christus auf dem Monte Sirai
bauten Phönizier eine Befestigung
zur Abwehr von fremder Belästigung.
Eine Wohnanlage war auch dabei.
Von hier aus fingen sie damals an,
zu besiedeln ganz Sardinien dann.

Zur Industriestadt Carbonia ist es nicht weit.
Von früher erkennt man noch ringsumher
aufgelassene Bergbauanlagen.
Eisen, Silber, Zink und Blei,
was es auch immer gewesen sei,
förderte man unter Mühen und Plagen.
Inzwischen lohnt sich der Abbau nicht mehr,
Verfall und Rostfraß machen sich breit.

 

Zu Antras der Tempel aus punischer Zeit
war ihrer Gottheit Sid geweiht.
Er wurde, als später die Römer gekommen,
von diesen zwar weitgehend überbaut,
doch haben sie manches übernommen,
das nicht zu ihrem Bekenntnis gehört:
die Fußwaschbecken vor ’m Heiligtum,
dessen öffentliche Zugänglichkeit,
das alles hat sie wohl nicht gestört;
sie widmeten den Tempel dem Jupiter um.

Samstag, 16.03.2019

In Orgosolo herrschte Banditentum.
Wo der Staat die Rechte der Menschen nicht schützte,
ging man über zur Selbstjustiz,
zu kämpfen um Ehre und Besitz.
Ganze Sippen brachten einander um.

Der Vater vererbte auf den Sohn
die Pflicht zur Rache. Die Folge davon
war ein ständig sich drehender Teufelskreis;
jeder machte jedem die Hölle heiß.

Weil man so miteinander nicht leben kann,
zog Mussolini die Notbremse an,
wobei er zwar harte Methoden benützte,
doch seit des vergang’nen Jahrhunderts Mitte
ist zum Glück Schluß mit dieser Unsitte.

Francesco del Casino, der das Malen lehrte,
wollte den Menschen die Möglichkeit geben,
ihren Protest friedlich auszuleben.
Dabei bezog er seine Schüler ein
und malte mit ihnen auf Häuserwände
Bilder zu Themen der Weltpolitik,
über soziale Übelstände
und gesellschaftliche Kritik. 

 

So bekamen die Menschen das Gefühl,
sich ausdrücken zu können mit dem Ziel,
wenigstens etwas bewirken zu können,
statt immer nur gegen die Wand zu rennen,
und sie sehen, sie sind mit dem Frust nicht allein.
Die Murales geben der Stadt ein Gesicht,
wer sie geseh’n hat, vergißt sie nicht.

Wieder feiern wir ein Geburtstagskind.
Martina ist es, sie lebe hoch!
Wir fahren zum Strand, es gibt O-Saft und Sekt,
die Sonne scheint, es ist alles perfekt.
 
Von La Caletta fahr’n wir nach Olbia,
die Fähre wartet im Hafen schon da.

Sonntag, 17.03.2019

Nach Livorno schwimmen wir über Nacht.
Den Kapitän hab’n wir zwar nicht geseh’n,
doch hat er sicher die Fähre bewacht.
Ihr riesiger Rumpf entläßt uns an Land,
hier nimmt Robert wieder das Steuer zur Hand.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt:
es hat uns mal wieder an nichts gefehlt.
Erfüllt und dankbar sind wir zu Hause,
zurück in der jeweils vertrauten Klause.

© Ingrid Hecker